Vom Beinahe-Pleitier zur deutschen Erfolgsstory im Chipsektor!

03.11.2017 | Artikel über Infineon (DE0006231004) von HBMännchen

Zusammenfassung

  • Infineon entstand einst durch Ausgliederung des Chipgeschäfts bei Siemens
  • Im hartumkämpften Markt für Computerchips hatte man gegen die Asiaten keine Chance
  • Darum hat das Management den Konzern quasi einfach mal komplett neu erfunden - als Automobilzulieferer

Einschätzung

Aktie kaufen als kurzfristige Idee

Unternehmensprofil

Infineon Technologies sieht sich selbst als einer der führenden Hersteller von Halbleitern und fokussiert sich inzwischen bei der Entwicklung seiner Produkte in erster Linie auf die Themen Energie-Effizienz, Mobilität und Sicherheit. So bietet der Konzern inzwischen in erster Linie Halbleiter- und Systemlösungen für die Automobilindustrie an, weshalb manch ein Marktbeobachter den Konzern inzwischen schon als Automobilzulieferer klassifiziert. Ganz richtig ist das aber nicht, da man auch noch Kunden aus dem Bereich der Industrieelektronik sowie von Sicherheitsanwendungen (z.B. Chipkarten) beliefert. Dennoch ist diese Einschätzung aber auch nicht ganz falsch. Zuletzt verstärkte Infineon seine zuvor bereits hervorragende Marktposition nochmals, indem man sich den großen US-Rivalen International Rectifier einverleibte. Diese Akquisition ließ sich die Gesellschaft rund 3 Mrd. US-Dollar (ca. 2,5 Mrd. Euro) kosten.

 

Unternehmensgeschichte und -entwicklung

Wie bereits erwähnt ist Infineon aus Siemens hervorgegangen. Das damalige Siemens-Management um CEO Heinrich von Pierer sah wohl bereits korrekt voraus, dass Chips in Asien deutlich günstiger produzierbar waren und wollte daher keine weiteren Investitionen in die Chipsparte tätigen. So entschied man sich bereits früh dazu den Geschäftsbereich auszugliedern und letztlich abzuspalten. Von Anfang an peilte man dabei einen Börsengang an. Glücklicherweise (für Siemens) kam es dann in den Jahren 1998, 1999 und 2000 zu einem regelrechte Hype an der Börse (Neuer Markt, "Dotcom Bubble") und so hatte man bei diesem Börsengang sogar ein nahezu perfektes Timing. So brachte Siemens die eigentlich ungeliebte Tochter Infineon nahezu auf dem Höhepunkt der damaligen Spekulationsblase an die Börse und erzielte so Höchstpreise für die Aktie.

Die Bookbuildingspanne der Aktie lag seinerzeit bei 29,00 bis 35,00 Euro, letztlich platziert wurde sie dann natürlich am oberen Ende der Bookbuildingspanne zu 35,00 Euro. Der erste Börsenkurs lag anschließend bei 70,20 Euro, das Allzeithoch (intraday) im Bereich 100 Euro sowie auf Schlusskursbasis bei 92,50 Euro. Die Welt schien rosarot.

Doch letztlich lag das Siemens-Management mit seinen Markteinschätzungen gar nicht so daneben. Es kam daher wie es kommen musste, die damalige Spekulationsblase platzte und Infineon entwickelte sich schlecht. Dies führte letztlich dazu, dass der beim IPO noch gefeierte CEO Ulrich Schumacher hart kritisiert wurde und im März 2004 zurücktrat. Doch auch in der Folgezeit kam Infineon nicht zur Ruhe.

So gründete Infineon kurz nach Schumachers Abgang die Tochtergesellschaft Invot AG, in der man seine Speicherchips bündelte. Diese wurde später dann in Qimonda AG umbenannt und 2006 in New York an die Börse gebracht. Qimonda war jedoch wenig erfolgreich (Infineon hatte im Prinzip seine wenig aussichtsreichen Geschäfte in Qimonda gebündelt) und musste im Januar 2009 in die Insolvenz.

Zu dieser Zeit wurde an der Börse ernsthaft auch eine Insolvenz des Mutterkonzerns notiert, so dass die Aktie auf ein Allzeittief von 0,39 Euro zurückfiel (im März 2009) und kurz darauf sogar aus dem DAX flog. Entgegen dem Motto "they never come back", das zuvor allerdings auch schon Continental widerlegt hatte, gelang Infineon jedoch schon bald darauf die Rückkehr in den DAX. Seit diesen Tiefs gehört die Aktie nun quasi zu den Vorzeige-Aktien im DAX.

Rückblickend kann man daher sagen, dass Infineon durch ein tiefes Tal gehen und sich quasi komplett neu erfinden musste, um am Ende doch erfolgreich zu werden. Dies zeigt die Dynamik, die in der freien Wirtschaft herrscht und ist letztlich sogar ein gutes Beispiel dafür, was schlechte Manager anrichten aber gute Manager eben auch aufbauen können. Im DAX gilt Infineon heute zwar immer noch als Chiphersteller und somit Technologiekonzern. In erster Linie ist man inzwischen jedoch ein wichtiger Zulieferer für die Automobilindustrie (bspw. liefert Infineon die Chips zur Steuerung von Airbags). Dies dürfte in Zukunft auch der Fokus des Konzerns bleiben, denn inzwischen hat sich Infineon auch im Bereich des autonomen Fahrens einen Namen gemacht und ist neben Konzernen wie Intel und Nvidia eines der führenden Unternehmen in diesem Bereich.


                   Hauptsitz von Infineon in Neubiberg bei München

 

Umsatz- und Gewinnentwicklung sowie zukünftige Erwartungen

Aus heutiger Sicht war das Ende von Qimonda der Neuanfang für Infineon. Die neuen Manager haben dabei viele richtige Entscheidungen getroffen, wie bspw. den Verkauf der zu kleinen und daher nicht nachhaltig profitablen Handychipsparte an Intel sowie die ebenfalls schon einmal thematisierte Übernahme von International Rectifier, deren Integration erstaunlich geräuschlos über die Bühne gebracht werden konnte. Dementsprechend positiv liest sich dann auch die Umsatz- und Gewinnentwicklung von Infineon in den letzten Jahren.

Geschäftsjahr (per 30.9.) 2013/14 2014/15 2015/16 2016/17e 2017/18e 2018/19e
Jahresumsatz (in Mrd. Euro) 4,32 5,80 6,47 7,08 7,56 8,12
Umsatzwachstum +12,4% +34,1% +11,7% +9,4% +6,8% +7,4%
Gewinn je Aktie (in Euro) 0,48 0,56 0,66 0,85 0,95 1,09
Gewinnwachstum +92,0% +16,7% +17,9% +28,8% +11,8% +14,8%

Quelle: Onvista und eigene Schätzungen


Meine eigenen Schätzungen für die Geschäftsjahre 2016/17e, 2017/18e und 2018/19e basieren dabei auf den durchschnittlichen Analystenerwartungen, wobei ich sehr konservativ geblieben bin. Es ist also durchaus möglich, dass Infineon sowohl beim Umsatz als auch beim Gewinn noch deutlicher zulegen kann als ich in Aussicht gestellt habe.

 

Fundamentale Bewertung: Teuer ja, aber noch nicht zu teuer!

Auf Basis meiner Umsatz- und Gewinnschätzungen für das bereits zu Ende gegangene Geschäftsjahr 2016/17, für das aber noch keine offiziellen endgültigen Geschäftszahlen vorliegen, wird die Aktie gegenwärtig mit einem KUVe von ca. 3,9 sowie einem KGVe von knapp 29 bewertet. Dies ist sportlich, angesichts eines voraussichtlichen Gewinnwachstums um +28,8% aber noch okay. Zumal Umsatz und Gewinn ja auch in Zukunft weiter wachsen werden, wodurch das KUV 2017/18e auf ca. 3,66 sowie 2018/19e auf ca. 3,4 und parallel dazu das KGV 2017/18e auf knapp 26 respektive das KGV 2018/19e auf rund 22 sinkt.

Angesichts eines durchschnittlichen Gewinnwachstums (CAGR) von ca. +13,25% wäre hier m.E. durchaus auch noch ein KGV 2018/19e von bis zu 26 zu rechtfertigen, was der Aktie etwas Luft nach oben geben würde. Denn ein KGV von 26 auf einen Gewinn je Aktie von 1,09 Euro angewendet, ergäbe eigentlich einen fundamental fairen Wert der Aktie in Höhe von 26x 1,09 Euro = 28,34 Euro. Da ich in meinen Schätzungen jedoch betont konservativ geblieben bin, runde ich den fundamental fairen Wert ein klein wenig auf und sehe diesen - auf Sicht von 12 Monaten - zwischen 29,00 und 30,00 Euro.

 

Charttechnik: kurzfristige Konsolidierung, anschließend weiter rauf!

Kommen wir damit noch kurz zur Charttechnik!


Infineon Technologies, Chart, 1 Jahr (in Euro) (Quelle: comdirect)

Ich bin generell kein großer Charttechniker, handele jedoch ungern gegen die Charttechnik. Daher habe ich in diesem Chart auch nicht wild herum gemalt, die wichtigsten Punkte fasse ich kurz schriftlich - wie folgt - zusammen: Die Aktie befindet sich bereits seit einiger Zeit in einem unverändert voll intakten Aufwärtstrend. Zuletzt gelang ihr - nach kurzer Zeit - der charttechnische Ausbruch über die Marke von 20,00 Euro. Damit wurde ein Kaufsignal mit Kursziel zwischen 24,00 und 25,00 Euro generiert, dass inzwischen als abgearbeitet angesehen werden kann. Daher ist nun mit einer kleinen Konsolidierung zur Verdauung der zuletzt gesehenen Kursgewinne zu erwarten. Im Zuge dieser Konsolidierung sind kurzfristig durchaus nochmal Kurse leicht unterhalb von 24,00 Euro drin, viel mehr sollte nach unten aber nicht gehen. Allerdings dürfte es durchaus noch etwas dauern (eine Frage von Wochen, jedoch nicht von Monaten) bis die Aktie den nächsten charttechnischen Ausbruch hinlegt. Dieser wäre mit Kursen nachhaltig über 25,00 Euro geschafft, womit ein weiteres Kaufsignal mit Kurszielen zwischen 29,00 und 30,00 Euro aktiviert würde. Das passt super zum eben gegebenen fundamentalen Bild, finden Sie nicht? ;)

 

Fazit: Um oder unter 24,00 Euro einsammeln mit Kursziel 29,00 bis 30,00 Euro (auf Sicht eines Jahres)

Eigentlich wäre mein heutiges Fazit somit: Infineon sollte man um respektive leicht unterhalb von 24,00 Euro kaufen. Das Kursziel (auf Sicht eines Jahres) liegt nämlich bei 29,00 bis 30,00 Euro, was einem Kurspotenzial von bis zu +25% entsprechen würde und für eine positive Einschätzung genügt. Auch wenn die Dividende mit etwas mehr als 1% eine eher untergeordnete Rolle spielt. Ich möchte jedoch an dieser Stelle noch etwas hinzufügen.

Denn derzeit laufen die Aktienmärkte heiß. Dies kann dazu führen, dass das genannte Kursziel schneller erreicht wird als gedacht. Ja, möglicherweise sind die 30,00 Euro noch nicht einmal das Ende der Kursrally und die Aktie steigt, als Momentum-Aktie im DAX, auch noch auf 35,00 Euro oder gar 40,00 Euro oder noch mehr. Dabei muss Ihnen als Anleger jedoch klar sein, dass der fundamental faire Wert der Aktie wohl bei maximal 30,00 Euro liegt. Alles, was darüber hinaus nach oben geht, ist daher in meinen Augen eine spekulative Übertreibung, sprich: eine neue Spekulationsblase, wenngleich deutlich kleiner als noch 1999/2000. Für Sie heißt das daher: Sie können gerne an Bord bleiben und das ausreizen (ja, sie sollten es sogar!). Aber vergessen Sie nicht entweder rechtzeitig zumindest teilweise Gewinne mitzunehmen oder die Position mit einem Stoppkurs (den sie immer nachziehen sollten!) abzusichern. Denn die Anleger, die Infineon einst im Hype zu 80, 90 oder gar 100 Euro gekauft haben, haben von der schon lange laufenden Kursrally bis heute nichts, sie haben nur ihre immer noch hohen Verluste etwas reduziert. Passen Sie daher auf, dass Sie nicht in diese Falle tappen und es Ihnen am Ende ähnlich ergeht.

Ich bin KEIN Crashprophet und erwarte auch keinen völligen Zusammenbruch des Marktes. Aber wenn die Börse zu schnell zu heiß läuft, kommt es irgendwann eben auch zu einer deutlichen Korrektur. Initial würde ich den Stoppkurs für Infineon bei 21,92 Euro setzen, diesen aber anschließend - wie geschrieben - sukzessive nachziehen. Damit wünsche ich allen Leserinnen und Lesern nun ein schönes Wochenende!

Offenlegung von eigenen Positionen

Ich halte keine Position (direkt oder über Derivate) in der in dem Artikel behandelten Aktie.

Offenlegung von Geschäftsbeziehungen

Ich habe diesen Artikel selbst geschrieben und meine eigene Meinung wiedergegeben. Ich erhalte keine Vergütung für diesen Artikel (außer ggf. von Spekunauten). Ich habe keine Geschäftsbeziehungen mit einem der im Artikel genannten Unternehmen.

    Kommentare (2)

  • ThomasCromwell vor 12 Tagen

    Hatte Infineon auch lange Zeit im Depot und leider viel zu früh verkauft. Zusammen mit Dialog Semidconductor war es einer meiner deutschen Tech-Werte. Eine schöne Entwicklung auf jeden Fall. Bleibt abzuwarten, wie weit der Anstieg tatsächlich noch gehen kann. Guter Artikel, Daumen hoch.

    Ray123 vor 11 Tagen

    Zusätzlich sorgen nun Übernahmegerüchte in der US-Halbleiterindustrie für weiter steigende Kurse bei Infineon.
    Dazu folgenden Lesetipp: www.fool.de/2017/11/04/broadcom-will-qualcomm-dreht-die-chip-branche-jetzt-voellig-durch/

    HBMännchen vor einem Tag

    Danke, Thomas!

  • Ray123 vor 14 Tagen

    Beim Chiphersteller aus München, der vor allem beim Thema autonomes Fahren in der ersten Reihe sitzt, scheint es kein Halten mehr zu geben: Seit Jahresbeginn legte der Halbleiterhersteller annähernd 45% zu . Und angesichts der robusten Weltkonjunktur und der aktienfreundlichen Geldpolitik dürfte dieser Trend wohl noch eine Weile anhalten.

    Geht die Rekordjagd also einfach so weiter? HBMännchen hat schon darauf hingewiesen, dass die Aktienmärkte ein wenig überhitzt erscheinen. Ich denke als Anleger lohnt es sich stets einen gesunden Skeptizismus zu haben. Jeder Aufschwung und Bullenmarkt endet irgendwann einmal. Gerade Bullenmärkte enden, wenn der Optimismus am größten ist. Wer sich von der Stimmung mitreißen lässt, läuft meistens ins Verderben. Entsprechend sinnvoll ist es, wenn man selbst in guten Zeiten skeptisch bleibt und eine gute Absicherungsstrategie fährt.

    Vielen Dank für den gut analysierten Artikel und dir ebenso ein schönes Wochenende :)

    busdriver08 vor 13 Tagen

    Hatte vor Jahren den Wert schon auf der Watch - List,damals so um die 5€... wie HBMännchen schon in der Überschrift anführt,war Infineon für mich eher ein Pleite Kandidat. Was daraus geworden ist ,sieht man heute..tja,so kann man sich täuschen...

    Ray123 vor 13 Tagen

    Kopf hoch, lieber busdriver08! An der Börse ergeben sich jeden Tag neue und exzellente Chancen. Man muss nur wissen, wo :)

    busdriver08 vor 12 Tagen

    Deshalb sind wir ja hier Ray123,und der Gabentisch ist reichlich gedeckt. Nur sieht man manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht und da helfen natürlich solche sehr informativen Artikel ungemein...

    Ray123 vor 12 Tagen

    Das ist wohl war :)

    HBMännchen vor einem Tag

    Thanks to all!